Horst Stowasser

Ihr Chaoten!

Ein Zustand voller Chaos und Gewalt, ohne Recht und Ordnung, wie heißt der wohl?

Richtig, Anomie. Aber warum sollte ein Journalist auch Deutsch können. So ist denn die öffentliche Meinung durchaus der Ansicht, Anarchisten gedanklich nach Somalia („Anarchie“) schicken zu können, denn das muss ja so ungefähr sein, was diese linken Spinner wollen, nicht wahr?

Was unsereinem dagegen tatsächlich als Ideal vorschwebt, ist „die Anarchie im ursprünglichen Sinne: Ordnung durch Bünde der Freiwilligkeit“ (Gustav Landauer). Wie das in der Praxis aussehen kann, werden wir uns hier noch anschauen. An dieser Stelle sei aber zunächst einmal eine Retourkutsche erlaubt:

Wenn wir unter >Anarchie< einmal die landläufige negative Bedeutung verstehen wollen, nämlich Chaos, so haben wir sie heute: weltweit und flächendeckend. Ein System, in dem genug Nahrung produziert wird und wo dennoch Tag für Tag zigtausende Menschen verhungern, ist ein Irrsinn. Ein System, das periodisch organisierte Massenmorde anordnet, ist unmenschlich. Ein System, das diesen Planeten zunehmend ausplündert und unbewohnbar macht, ist selbstmörderisch. Ein System, das zehn Prozent der Menschheit Reichtum beschert und die große Mehrheit der Ärmsten immer weiter ausplündert, ist niederträchtig. Ein System, das seine Bürger nur dadurch davon abhalten kann, sich gegenseitig umzubringen, in dem es sie wiederum selbst mit dem Tod bedroht, ist eine moralische Bankrotterklärung.
Wenn Anarchisten in einer Diskussion ein solches System ernsthaft vorschlügen, würden sie mit Recht ausgelacht. Man müsste sie Zyniker nennen. Aber dieses System haben wir heute überall, es herrschaft auf jedem Stückchen Land dieser Erde, und wir leben mittendrin. Es ist das staatliche System. Ein Konstrukt, das unterm Strich völlig versagt und weltweit ein Chaos von unvorstellbarem Ausmaß hervorbringt. Wir nehmen es nur nicht wahr, denn wir sind gewohnt, in zweierlei Maß zu denken. Vergessen wir nicht: Staat existiert nicht nur in unseren liberalen, westlichen Demokratien, in denen es sich zugegebenermaßen besser leben lässt – Staat, das ist auch Bangladesch und Burkina Faso, Haiti und Usbekistan, Ruanda und Kambodscha, Weißrussland und der Sudan.

(Horst Stowasser: Anarchie! Idee. Geschichte. Perspektiven. Hamburg 2007. S. 37. Frühere Ausgabe unter „Freiheit Pur“ hier im Netz verfügbar. Dort S. 35.)