Monat: Januar 2014

Linkliste „Utopie“

Eine Weltkarte, in der das Land Utopia nicht verzeichnet ist, verdient keinen Blick, denn sie lässt die eine Küste aus, wo die Menschheit ewig landen wird.

Oscar Wilde, Der Sozialismus und die Seele des Menschen (1891)

Here of course one has to deal with the inevitable objection: that utopianism has lead to unmitigated horror, as Stalinists, Maoists, and other idealists tried to carve society into impossible shapes, killing millions in the process. This argument belies a fundamental misconception: that imagining better worlds was itself the problem. Stalinists and their ilk did not kill because they dreamed great dreams—actually, Stalinists were famous for being rather short on imagination—but because they mistook their dreams for scientific certainties. This led them to feel they had a right to impose their visions through a machinery of violence. Anarchists are proposing nothing of the sort, on either count. They presume no inevitable course of history and one can never further the course of freedom by creating new forms of coercion. In fact all forms of systemic violence are (among other things) assaults on the role of the imagination as a political principle, and the only way to begin to think about eliminating systematic violence is by recognizing this. And of course one could write very long books about the atrocities throughout history carried out by cynics and other pessimists…

David Graeber, Fragments of an Anarchist Anthropology (2004)

Über Utopien nur schon vernünftig zu reden, scheint ungeheuer schwierig zu sein. Vielleicht liegt es am Wort „Utopie“, das auf den Hund gekommen ist: „Meine Utopie ist ein heisses Bad und ein gutes Buch.“

P. M., Sechs Jahre bolo’bolo. Vorwort zur 5. Auflage (1989)

Umgekehrt ist am Utopismus >von links< jene traurige Seite nicht zu übersehen, die bereits Marx zu seiner Absage an den utopischen Sozialismus geführt hat. Ohne Wissen über die Notwendigkeiten, die per Gewalt verfügt werden, gerät so mancher alternative Entwurf zur eifrigen Bemühung, ausgerechnet diejenigen Ideale auszumalen, die den Taten der herrschenden Instanzen entspringen und ihnen sogar zur Zierde gereichen – Ideale, die also, getrennt von den verworfenen Zuständen, jede Daseins­berechtigung verlieren und als schiere Dummheiten dastehen.

Interview mit Karl Held (1985)

Egal wie man nun zum Begriff „Utopie“ stehen mag – ohne eine ungefähre Vorstellung von einer besseren Gesellschaftsordnung wird man die Menschen kaum motivieren können, sich für eine grundsätzliche Änderung einzusetzen.

Allgemein

Die Stadtutopie von P. M.

Der Schweizer Autor P. M. [Hans Widmer] vertritt seit Jahrzehnten ein an Fourier erinnerndes öko-soziales Gesellschaftsmodell föderierter Nachbarschaften – hier eine Kurzvorstellung.

    • bolo’bolo [1983] ist eine anarchistische Utopie mit etwas nerviger Phantasiesprache. Der Titel dieses Blogs ist von dort geklaut.
    • Subcoma [2000] vermeidet einige der problematischen Aspekte von bolo’bolo und wirkt deutlich ausgereifter. P. M. kritisiert den Kapitalismus, setzt sich mit bisherigen Reform- und Revolutionsansätzen auseinander und entwirft eine Strategie der Systemtransformation, die man als „staatlich unterstützte Basisbewegung“ beschreiben könnte.
    • Neustart Schweiz [2008] ist noch deutlicher reformistisch formuliert – hier verteidigt P. M. diesen Ansatz. Tatsächlich hatte er damit bereits einen gewissen Erfolg – immerhin hat sich mittlerweile ein gleichnamiger Verein gegründet, der P. M.s Nachbarschaftskonzept umsetzen will.
    • Kartoffeln und Computer [2012] formuliert ein Transformationsprojekt für die USA, einen „Green New Deal“. Hier fordert P. M. die Einrichtung globaler Commons:

Übersicht

P. M. über sein Nachbarschaftskonzept und die Commons.

Linkliste „Alternative Ökonomie“

Hier eine vorläufig weitgehend unkommentierte Linkliste zum Thema „Alternative Ökonomie“. Hier sind auch Ansätze vertreten, die Staat und Markt mehr oder weniger affirmativ gegenüberstehen – wieviel der Mensch davon wirklich braucht, mag die Praxis entscheiden. Zunächst einmal sollen hier überhaupt Alternativen und Gegenmodelle gesammelt werden.

Linkskeynesianismus

Die Nachdenkseiten, die Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik und flassbeck-economics lassen sich wohl grob dem Linkskeynesianismus zuordnen. Auch wenn dieser Ansatz m. E. nicht weit genug geht, könnte eine clevere Massenbewegung staatliche Umverteilungsinstrumente vielleicht nutzen, um wirkliche Alternativen aufzubauen; einen möglichen Ansatz hat der Schweizer Autor P. M. [Hans Widmer] mit seinem „Green New Deal“ vorgeschlagen.

Freiwirtschaft

Die Freiwirtschaft geht auf Überlegungen des umstrittenen Silvio Gesell zurück. Heute wird dieses Modell von Leuten wie Helmut Creutz und der Humanwirtschaftspartei vertreten. Ich bin skeptisch.

Gemeinwohl-Ökonomie

Ein Modell von Christian Felber. Es geht um den Versuch, Unternehmertum und Gemeinwohl zu vereinen. Auch hier besteht bei aller Kritik vielleicht die Möglichkeit Geld für radikalere [i. S. v. „an die Wurzel gehende“] Ansätze lockerzumachen.

Marktsozialismus/Ökonomische Demokratie

Auch als Freund des Bedürfnisprinzips kommt man nicht um die Tatsache herum, dass erst einmal Weltmarkt ist. Insofern sind die Überlegungen David Schweickarts selbst dann interessant, wenn Meinhardt Creydt recht behalten sollte.

Gildensozialismus

Der Gildensozialismus wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Autoren wie G. D. H. Cole (z. B. in Guild socialism re-stated von 1920) und Bertrand Russell (Proposed Roads to Freedom von 1918) vertreten. Russells Kritik am Anarchismus beruht m. E. weitgehend auf Fehleinschätzungen, aber wer einen Mittelweg zwischen Staatssozialismus und Anarchismus sucht, findet bei ihm einen interessanten Ansatz.

Anarchismus

Der Anarchismus kennt im Wesentlichen drei wirtschaftliche Ansätze: Mutualismus, Kollektivismus und Kommunismus, die jeweils für Markt, Leistungsprinzip und Bedürfnisprinzip stehen. Die meisten Anarchisten bevorzugen Letzteres, sind aber auch für andere Ansätze offen. In der Praxis werden die Ansätze bunt kombiniert. Einen Überblick gibt es bei Horst Stowasser und im Anarchist FAQ.

Planwirtschaft

Viele halten das Thema „Planwirtschaft“ mit dem Ostblock für erledigt – dabei gibt es zahlreiche Ansätze, die sich um eine Vermeidung der dort gemachten Fehler bemühen. Die Gruppe Paeris hat einige Beispiele gesammelt (einige Links und Anmerkungen ergänzt):

Solidarische Ökonomie & Commons

„Solidarische Ökonomie (SÖ) bezeichnet Formen des Wirtschaftens, die menschliche Bedürfnisse auf der Basis freiwillige Kooperation, Selbstorganisation und gegenseitiger Hilfe befriedigen.“ (Quelle) Hier geht es ganz praktisch um alternatives Wirtschaften. Commons hatte ich hier schon kurz vorgestellt. Infos dazu gibt es z. B. bei Gemeingüter.de, Silke Helfrich und Brigitte Kratzwald. Andreas Exner beschreibt Beispiele solidarischen Wirtschaftens wie venezolanische Kooperativen, den baskischen Mondragón-Konzern und die israelische Kibbutz-Bewegung.

Verschiedenes

Linkliste „Anarchismus“

Hier einige nützliche Links zu Anarchismus und libertärem Sozialismus. Eine gute deutschsprachige Einführung bietet Horst Stowassers „Anarchie!“. Eine ältere Textfassung ist unter dem Titel „Freiheit Pur“ zum kostenlosen Download erhältlich. Zur Ergänzung seien zwei FAQs empfohlen:

Allgemeines

Video

Die Dokumentation „Die Utopie Leben“ (1997) über die spanische Revolution 1936. (Rezension)

Ihr Chaoten!

Ein Zustand voller Chaos und Gewalt, ohne Recht und Ordnung, wie heißt der wohl?

Richtig, Anomie. Aber warum sollte ein Journalist auch Deutsch können. So ist denn die öffentliche Meinung durchaus der Ansicht, Anarchisten gedanklich nach Somalia („Anarchie“) schicken zu können, denn das muss ja so ungefähr sein, was diese linken Spinner wollen, nicht wahr?

Was unsereinem dagegen tatsächlich als Ideal vorschwebt, ist „die Anarchie im ursprünglichen Sinne: Ordnung durch Bünde der Freiwilligkeit“ (Gustav Landauer). Wie das in der Praxis aussehen kann, werden wir uns hier noch anschauen. An dieser Stelle sei aber zunächst einmal eine Retourkutsche erlaubt:

Wenn wir unter >Anarchie< einmal die landläufige negative Bedeutung verstehen wollen, nämlich Chaos, so haben wir sie heute: weltweit und flächendeckend. Ein System, in dem genug Nahrung produziert wird und wo dennoch Tag für Tag zigtausende Menschen verhungern, ist ein Irrsinn. Ein System, das periodisch organisierte Massenmorde anordnet, ist unmenschlich. Ein System, das diesen Planeten zunehmend ausplündert und unbewohnbar macht, ist selbstmörderisch. Ein System, das zehn Prozent der Menschheit Reichtum beschert und die große Mehrheit der Ärmsten immer weiter ausplündert, ist niederträchtig. Ein System, das seine Bürger nur dadurch davon abhalten kann, sich gegenseitig umzubringen, in dem es sie wiederum selbst mit dem Tod bedroht, ist eine moralische Bankrotterklärung.
Wenn Anarchisten in einer Diskussion ein solches System ernsthaft vorschlügen, würden sie mit Recht ausgelacht. Man müsste sie Zyniker nennen. Aber dieses System haben wir heute überall, es herrschaft auf jedem Stückchen Land dieser Erde, und wir leben mittendrin. Es ist das staatliche System. Ein Konstrukt, das unterm Strich völlig versagt und weltweit ein Chaos von unvorstellbarem Ausmaß hervorbringt. Wir nehmen es nur nicht wahr, denn wir sind gewohnt, in zweierlei Maß zu denken. Vergessen wir nicht: Staat existiert nicht nur in unseren liberalen, westlichen Demokratien, in denen es sich zugegebenermaßen besser leben lässt – Staat, das ist auch Bangladesch und Burkina Faso, Haiti und Usbekistan, Ruanda und Kambodscha, Weißrussland und der Sudan.

(Horst Stowasser: Anarchie! Idee. Geschichte. Perspektiven. Hamburg 2007. S. 37. Frühere Ausgabe unter „Freiheit Pur“ hier im Netz verfügbar. Dort S. 35.)

Working for the Few

  • Almost half of the world’s wealth is now owned by just one percent of the population.

  • The wealth of the one percent richest people in the world amounts to $110 trillion. That’s 65 times the total wealth of the bottom half of the world’s population.

  • The bottom half of the world’s population owns the same as the richest 85 people in the world.

  • Seven out of ten people live in countries where economic inequality has increased in the last 30 years.

  • The richest one percent increased their share of income in 24 out of 26 countries for which we have data between 1980 and 2012.

  • In the US, the wealthiest one percent captured 95 percent of post-financial crisis growth since 2009, while the bottom 90 percent became poorer.

(Oxfam 2014)

Anarchismus? Commons?

Schon klar, jeder „Ismus“ macht misstrauisch, und Sie stellen sich unter „Anarchie“ sicherlich Chaos und Gewalt vor. Dazu kommen wir noch. Fürs Erste bauen wir vielleicht ein paar Ängste ab, wenn wir Noam Chomsky zitieren:

Es ist meines Erachtens vollkommen richtig, in jedem Aspekt des Lebens die jeweiligen autoritären, hierarchischen und herrschaftsbestimmten Strukturen ausfindig zu machen und klar zu umreißen, und dann zu fragen, ob sie notwendig sind; wenn es keine spezielle Rechtfertigung für sie gibt, sind sie illegitim und sollten beseitigt werden, um den Spielraum der menschlichen Freiheit zu erweitern.

Anarchistische und anti-autoritäre Ideen haben einen großen Einfluß auf die Neuen Sozialen Bewegungen. Ein besonders interessantes Beispiel ist für mich die Commons-Bewegung:

Commons bestehen […] immer aus drei Elementen, einer Ressource (die stofflich oder immateriell sein kann), den Menschen, die diese Ressourcen nutzen (in der Literatur häufig Commoners genannt) und dem Aushandlungsprozess darüber, wie diese Ressource genutzt werden soll, also den Aneignungsregeln. Commons sind eine soziale Beziehung und sie entstehen aus einer sozialen Praxis, die wir Commoning nennen, die gemeinsame Sorge um etwas, sei es ein Gemeinschaftsgarten, ein genossenschaftliches Unternehmen oder der freie Internetzugang.
Diese Art sozialer Arrangements unterscheidet sich grundsätzlich von der kapitalistischen Produktion: In ihrer emanzipatorischen Idealform verwirklichen Commons die Überwindung von Privateigentum, Knappheit, Lohnarbeit, Wettbewerb und Markt. Auch wenn in einer kapitalistischen Umgebung Commons nie ganz ohne Geld auskommen, können sie doch eine Orientierung bieten für die Entwicklung nicht kapitalistischer Produktionsweisen. Es entstehen dort kreative “dissidente Praktiken” im Umgang mit Arbeit, Geld und Privateigentum, die über den Kapitalismus hinausweisen. Weil Commons auch die Entscheidungsinstanzen für die Nutzung der Ressourcen umfassen, beinhalten sie tendenziell auch neue, substanziellere Formen der Demokratie.

(Andreas Exner / Brigitte Kratzwald: Solidarische Ökonomie & Commons. Wien 2012. S. 23f.)

Der Commons-Diskurs ist für jede Weltanschauung anschlußfähig:

Konservative erfreut das bewahrende und gemeinschaftliche an den commons, Liberale erfreut die Staatsferne und nicht völlige Marktinkompatibilität, Anarchisten die Selbstorganisation, Sozialisten und Kommunisten der gemeinsam kontrollierte Besitz.

Der Commons-Diskurs bietet also eine Möglichkeit, Anarchisten und Nicht-Anarchisten miteinander ins Gespräch über „Spielräume menschlicher Freiheit“ zu bringen. Dieses Schaubild über die Logik der Commons bildet ein ziemlich anarchistisches Programm ab. Warum nicht Schritt für Schritt dieser Logik folgen und einfach mal schauen, wie weit man kommt?

logic-of-the-market-and-the-commons-chart

Schlimmstenfalls landet man bei einem „Kapitalismus 3.0“, im besten Falle aber bei Erich Mühsam: „Alles für alle durch alle!“

Was soll das hier?

Es heißt, zum Kapitalismus gebe es „keine Alternative“. Das wollen wir doch mal sehen. So vernünftig ist er nämlich gar nicht, wenn Sie hier mal reinschauen:

Instead of engaging in the usual moralistic leftist critique of capitalism, this pamphlet tackles the subject head on, on its own turf—economics—and demolishes the common belief that „capitalism delivers the goods.“ Sheppard does this through close consideration of 10 of the most outstanding inefficiencies of capitalism—things such as manufacture of false desires, product duplication, cost-shifting, systemic unemployment, waste of unsold goods, and the inefficiency of hierarchies. Through this analysis, Sheppard shows that, given the labor and resources at hand, capitalism is a horribly wasteful system that produces a pitifully small amount of useful goods and services. (Quelle)