Er lebt noch

Lohnarbeit hindert mich an regelmäßigeren Postings, deshalb an dieser Stelle nur zwei Hinweise zum sträflich vernachlässigten Thema „Strategie“:

  • James Herod: Getting free. Herod schlägt vor, den Kapitalismus durch Assoziationen aus autonomen Nachbarschaften zu ersetzen. Seine Überlegungen gehen in eine ähnliche Richtung wie die Commons-Bewegung und der Ansatz von P. M. und Neustart Schweiz.

  • The Historical Failure of Anarchism. Es ist die alte Frage: Wieviel Hierarchie und Zentralismus brauchen wir? Der Neo(?)-Maoismus von Kasama dürfte kaum die Antwort sein, doch kann man der gestellten Frage auch als Anarchist ehrlicherweise nicht ausweichen. Man denke etwa an die autoritären Züge der Machno-Bewegung:

    While condemning the Soviet Cheka as an authoritarian betrayal, Makhno created two secret police forces that carried out numerous acts of terror. After a battle in one village, they shot a villager suspected of treachery with no trial. They summarily executed many of their prisoners of war. Their secret police were tasked with getting rid of “opponents within or outwith [sic] the movement.” Their activities led to one anarchist Congress asking Makhno to explain his activities: „It has been reported to us that there exists in the army a counter-espionage service which engages in arbitrary and uncontrolled actions, of which some are very serious, rather like the Bolshevik Cheka. Searches, arrests, even torture and executions are reported.“

    Selbst wackere Verteidiger Machnos übergehen diese unangenehmen Details lieber mit Schweigen. Und auch die Spanische Revolution ist wohl ein Beispiel für das im Text erwähnte Dilemma:

    Da jede erfolgreiche Arbeiterrevolution sofort und unvermeidlich zu einer Entschleunigung des wirtschaftlichen Wachstums und zur Aufhebung der Arbeitsproduktivität als Grundnorm der politischen Ökonomie führt, hat sie nur dann eine Chance, wenn sie global in Gang kommt und weltweit koordiniert ist. Andernfalls geraten die revolutionären „Arbeiterregierungen“ sofort in das Dilemma, sich gegen die sie umgebende und sie einkreisende kapitalistische Welt durch die Wiederherstellung der arbeiterfeindlichen Produktivitätsnormen behaupten zu müssen und dadurch im gleichen Augenblick ihre Existenzgrundlage zu verlieren. Die Überwindung der Arbeit kann nur noch als weltweites Projekt gedacht werden, und zwar unabhängig von den jeweils dominierenden Formen der Ausbeutung und Verwertung des menschlichen Arbeitsvermögens.

    Was aber, wenn das schiefgeht? Väterchen Stalin?

    „Man muss nachdenken, was man tut.“ (Pepe, der Paukerschreck)

„Shocking Waste“

Neues aus dem vernünftigsten Wirtschaftssystem aller Zeiten:

More than 11m homes lie empty across Europe – enough to house all of the continent’s homeless twice over – according to figures collated by the Guardian from across the EU. […]
On top of the 11m empty homes – many of which were bought as investments by people who never intended to live in them – hundreds of thousands of half-built homes have been bulldozed in an attempt to shore up the prices of existing properties.
Housing campaigners said the „incredible number“ of homes lying empty while millions of poor people were crying out for shelter was a „shocking waste“. […]
There are 4.1 million homeless across Europe, according to the European Union.

Linkliste „Kollaps“

Und Du? (via)

Was will er denn nun? Weltuntergangsprophezeiungen von irgendwelchen Öko-Spinnern? Hatten wir das nicht schon einmal? Nun…

Die Grenzen des Wachstums

Die Studie „The Limits to Growth“ gilt heute mancherorts als Paradebeispiel für längst widerlegten Öko-Wahnsinn. Neuere Studien zeichnen ein anderes Bild: Der Kollaps der Industriegesellschaft ist tatsächlich nicht unwahrscheinlich. Wo stehen wir wirklich?

Klimawandel

Tomasz Konicz fasst zusammen:

Der exponentiell wachsende Treibhausgasausstoß ließ die CO2-Konzentration in der Atmosphäre auf inzwischen rund 390 ppm (parts per million) ansteigen, während die natürliche Fluktuation der Kohlendioxidkonzentration sich in den vergangenen 800.000 Jahren zwischen 170 und 300 ppm bewegte. Laut einer innerhalb der Klimawissenschaft dominanten Hypothese wird ab einer CO2-Konzentration von mehr als 450 ppm – die einem globalen Temperaturanstieg von zwei Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter entspricht – der Klimawandel irreversibel beschleunigt, da ab diesem Grenzwert ein tipping point (Kippunkt) des Klimasystems erreicht würde, der eine Kaskade sich selbst verstärkender Rückkopplungseffekte auslösen würde, bei denen die Treibhausgasemissionen ohne weiteres menschliches Zutun über einen sehr langen Zeitraum immer weiter zunehmen würden.

Und die Zeit wird knapp:

Die Internationale Energieagentur IEA geht davon aus, daß der point of no return bereits 2017, in fünf Jahren also, erreicht sein wird. »Die Tür schließt sich gerade«, warnte Fatih Birol, Chefökonom der IEA, Ende 2011. Der realexistierende Energiesektor der Weltwirtschaft emittiere bereits rund 80 Prozent des »Kohlendioxidbudgets«, das bis zum Erreichen des Kippunkts von 450 ppm noch übrig sei. 2015 werden es schon 90 Prozent sein. »Wenn wir nicht jetzt die Richtung ändern, wie wir Energie nutzen, werden wir über dem von der Wissenschaft angegebenen Minimum landen«, so Birol. Dennoch gebe es nur »wenige Anzeichen dafür, daß der dringend benötigte Richtungswechsel der globalen Energietrends« eingeleitet wurde, hieß es in einem korrespondierenden IEA-Bericht.

Den Stand Ende 2013 hat Dahr Jamail hier zusammengefasst. Guy McPherson sammelt hier regelmäßig Informationen zum aktuellen Stand des Klimawandels. Bis Februar 2014 hat er nicht weniger als 29 positive Rückkopplungseffekte identifiziert. Nun gibt es gewiss gute Gründe, seine Daten für Panikmache zu halten. Einerseits. Andererseits fand man im Oktober 2013 heraus, dass vor 55 Millionen Jahren ein plötzlicher globaler Temperaturanstieg stattgefunden hat – nicht wie bishalb angenommen innerhalb von 10.000 Jahren, sondern in 13 Jahren. Und das ist noch nicht alles. McPherson sieht im Klimawandel nur eine von mehreren tödlichen Menschheitskatastrophen. Selbst abzüglich einiger Übertreibungen ist es ernst. [Update 17.03.2014: Hier eine ausführlichere Kritik an McPherson.]

Artensterben

Sehr wahrscheinlich hat der Mensch das größte Artensterben seit dem Ende der Dinosaurier ausgelöst. Einen Überblick über die neuesten Entwicklungen findet man hier. Klar ist jedenfalls, dass die Zerstörung der Biodiversität die Ernährungsgrundlagen der Menschheit bedroht.

Atomkraftwerke

Gewiß, die verdienen eigentlich einen eigenen Eintrag. Hier sei aber auf eine dritte mögliche Menschheitskatastrophe hingewiesen: 400 Tschernobyls auf einmal, wenn Peak Oil und eine Störung der Stromnetze zusammenkommen.

Ressourcenschwund

Bereits 2005 waren zwei Drittel der irdischen Ressourcen verbraucht. Nicht nur Öl, sondern auch andere Rohstoffe werden allmählich knapp.

Es ist also ernst – und auch die erneuerbaren Energien allein werden wahrscheinlich nicht helfen, wenn wir Tom Murphy, Gail Tverberg und Ted Trainer glauben dürfen. Die Diskussion ist kontrovers; es wird aber wohl nicht schaden, den Ressourcenverbrauch der Menschheit so schnell wie möglich so weit wie möglich zu reduzieren. Das Buzzword der Stunde ist Resilienz. Unter Resilience.org findet man zahlreiche weitere Ressourcen zum Thema.

Blogs zum Thema

UPDATE (06.08.2014): If We Release a Small Fraction of Arctic Carbon, ‚We’re Fucked‘: Climatologist

Linkliste „Arbeit“

Ausbeutung

Technologische Arbeitslosigkeit

Geht dem Kapitalismus wegen Automatisierung die Arbeit aus? Eine Studie von 2013 hält jedenfalls 47 Prozent aller Jobs in den USA für bedroht. Droht sogar eine 1/5-Gesellschaft?

Arbeitskritik

Selbst wenn man nicht von Ausbeutung ausgeht und sich einen Kapitalismus ohne Arbeitslosigkeit vorstellen kann, bleibt die Tatsache, dass Arbeit schon von ihrer Zweckbestimmung her sowohl im Kapitalismus als auch im Staatssozialismus weder selbstbestimmt noch bedürfnisorientiert ist. Arbeitskritiker halten ein quantitativ (Arbeitszeitverkürzung) und qualitatitv anderes Arbeiten für möglich und notwendig. Manche lehnen den Begriff „Arbeit“ ab und ziehen z. B. „Tätigkeit“ vor.

Linkliste „Utopie“

Eine Weltkarte, in der das Land Utopia nicht verzeichnet ist, verdient keinen Blick, denn sie lässt die eine Küste aus, wo die Menschheit ewig landen wird.

Oscar Wilde, Der Sozialismus und die Seele des Menschen (1891)

Here of course one has to deal with the inevitable objection: that utopianism has lead to unmitigated horror, as Stalinists, Maoists, and other idealists tried to carve society into impossible shapes, killing millions in the process. This argument belies a fundamental misconception: that imagining better worlds was itself the problem. Stalinists and their ilk did not kill because they dreamed great dreams—actually, Stalinists were famous for being rather short on imagination—but because they mistook their dreams for scientific certainties. This led them to feel they had a right to impose their visions through a machinery of violence. Anarchists are proposing nothing of the sort, on either count. They presume no inevitable course of history and one can never further the course of freedom by creating new forms of coercion. In fact all forms of systemic violence are (among other things) assaults on the role of the imagination as a political principle, and the only way to begin to think about eliminating systematic violence is by recognizing this. And of course one could write very long books about the atrocities throughout history carried out by cynics and other pessimists…

David Graeber, Fragments of an Anarchist Anthropology (2004)

Über Utopien nur schon vernünftig zu reden, scheint ungeheuer schwierig zu sein. Vielleicht liegt es am Wort „Utopie“, das auf den Hund gekommen ist: „Meine Utopie ist ein heisses Bad und ein gutes Buch.“

P. M., Sechs Jahre bolo’bolo. Vorwort zur 5. Auflage (1989)

Umgekehrt ist am Utopismus >von links< jene traurige Seite nicht zu übersehen, die bereits Marx zu seiner Absage an den utopischen Sozialismus geführt hat. Ohne Wissen über die Notwendigkeiten, die per Gewalt verfügt werden, gerät so mancher alternative Entwurf zur eifrigen Bemühung, ausgerechnet diejenigen Ideale auszumalen, die den Taten der herrschenden Instanzen entspringen und ihnen sogar zur Zierde gereichen – Ideale, die also, getrennt von den verworfenen Zuständen, jede Daseins­berechtigung verlieren und als schiere Dummheiten dastehen.

Interview mit Karl Held (1985)

Egal wie man nun zum Begriff „Utopie“ stehen mag – ohne eine ungefähre Vorstellung von einer besseren Gesellschaftsordnung wird man die Menschen kaum motivieren können, sich für eine grundsätzliche Änderung einzusetzen.

Allgemein

Die Stadtutopie von P. M.

Der Schweizer Autor P. M. [Hans Widmer] vertritt seit Jahrzehnten ein an Fourier erinnerndes öko-soziales Gesellschaftsmodell föderierter Nachbarschaften – hier eine Kurzvorstellung.

    • bolo’bolo [1983] ist eine anarchistische Utopie mit etwas nerviger Phantasiesprache. Der Titel dieses Blogs ist von dort geklaut.
    • Subcoma [2000] vermeidet einige der problematischen Aspekte von bolo’bolo und wirkt deutlich ausgereifter. P. M. kritisiert den Kapitalismus, setzt sich mit bisherigen Reform- und Revolutionsansätzen auseinander und entwirft eine Strategie der Systemtransformation, die man als „staatlich unterstützte Basisbewegung“ beschreiben könnte.
    • Neustart Schweiz [2008] ist noch deutlicher reformistisch formuliert – hier verteidigt P. M. diesen Ansatz. Tatsächlich hatte er damit bereits einen gewissen Erfolg – immerhin hat sich mittlerweile ein gleichnamiger Verein gegründet, der P. M.s Nachbarschaftskonzept umsetzen will.
    • Kartoffeln und Computer [2012] formuliert ein Transformationsprojekt für die USA, einen „Green New Deal“. Hier fordert P. M. die Einrichtung globaler Commons:

Übersicht

P. M. über sein Nachbarschaftskonzept und die Commons.

Linkliste „Alternative Ökonomie“

Hier eine vorläufig weitgehend unkommentierte Linkliste zum Thema „Alternative Ökonomie“. Hier sind auch Ansätze vertreten, die Staat und Markt mehr oder weniger affirmativ gegenüberstehen – wieviel der Mensch davon wirklich braucht, mag die Praxis entscheiden. Zunächst einmal sollen hier überhaupt Alternativen und Gegenmodelle gesammelt werden.

Linkskeynesianismus

Die Nachdenkseiten, die Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik und flassbeck-economics lassen sich wohl grob dem Linkskeynesianismus zuordnen. Auch wenn dieser Ansatz m. E. nicht weit genug geht, könnte eine clevere Massenbewegung staatliche Umverteilungsinstrumente vielleicht nutzen, um wirkliche Alternativen aufzubauen; einen möglichen Ansatz hat der Schweizer Autor P. M. [Hans Widmer] mit seinem „Green New Deal“ vorgeschlagen.

Freiwirtschaft

Die Freiwirtschaft geht auf Überlegungen des umstrittenen Silvio Gesell zurück. Heute wird dieses Modell von Leuten wie Helmut Creutz und der Humanwirtschaftspartei vertreten. Ich bin skeptisch.

Gemeinwohl-Ökonomie

Ein Modell von Christian Felber. Es geht um den Versuch, Unternehmertum und Gemeinwohl zu vereinen. Auch hier besteht bei aller Kritik vielleicht die Möglichkeit Geld für radikalere [i. S. v. „an die Wurzel gehende“] Ansätze lockerzumachen.

Marktsozialismus/Ökonomische Demokratie

Auch als Freund des Bedürfnisprinzips kommt man nicht um die Tatsache herum, dass erst einmal Weltmarkt ist. Insofern sind die Überlegungen David Schweickarts selbst dann interessant, wenn Meinhardt Creydt recht behalten sollte.

Gildensozialismus

Der Gildensozialismus wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Autoren wie G. D. H. Cole (z. B. in Guild socialism re-stated von 1920) und Bertrand Russell (Proposed Roads to Freedom von 1918) vertreten. Russells Kritik am Anarchismus beruht m. E. weitgehend auf Fehleinschätzungen, aber wer einen Mittelweg zwischen Staatssozialismus und Anarchismus sucht, findet bei ihm einen interessanten Ansatz.

Anarchismus

Der Anarchismus kennt im Wesentlichen drei wirtschaftliche Ansätze: Mutualismus, Kollektivismus und Kommunismus, die jeweils für Markt, Leistungsprinzip und Bedürfnisprinzip stehen. Die meisten Anarchisten bevorzugen Letzteres, sind aber auch für andere Ansätze offen. In der Praxis werden die Ansätze bunt kombiniert. Einen Überblick gibt es bei Horst Stowasser und im Anarchist FAQ.

Planwirtschaft

Viele halten das Thema „Planwirtschaft“ mit dem Ostblock für erledigt – dabei gibt es zahlreiche Ansätze, die sich um eine Vermeidung der dort gemachten Fehler bemühen. Die Gruppe Paeris hat einige Beispiele gesammelt (einige Links und Anmerkungen ergänzt):

Solidarische Ökonomie & Commons

„Solidarische Ökonomie (SÖ) bezeichnet Formen des Wirtschaftens, die menschliche Bedürfnisse auf der Basis freiwillige Kooperation, Selbstorganisation und gegenseitiger Hilfe befriedigen.“ (Quelle) Hier geht es ganz praktisch um alternatives Wirtschaften. Commons hatte ich hier schon kurz vorgestellt. Infos dazu gibt es z. B. bei Gemeingüter.de, Silke Helfrich und Brigitte Kratzwald. Andreas Exner beschreibt Beispiele solidarischen Wirtschaftens wie venezolanische Kooperativen, den baskischen Mondragón-Konzern und die israelische Kibbutz-Bewegung.

Verschiedenes

Linkliste „Anarchismus“

Hier einige nützliche Links zu Anarchismus und libertärem Sozialismus. Eine gute deutschsprachige Einführung bietet Horst Stowassers „Anarchie!“. Eine ältere Textfassung ist unter dem Titel „Freiheit Pur“ zum kostenlosen Download erhältlich. Zur Ergänzung seien zwei FAQs empfohlen:

Allgemeines

Video

Die Dokumentation „Die Utopie Leben“ (1997) über die spanische Revolution 1936. (Rezension)

Ihr Chaoten!

Ein Zustand voller Chaos und Gewalt, ohne Recht und Ordnung, wie heißt der wohl?

Richtig, Anomie. Aber warum sollte ein Journalist auch Deutsch können. So ist denn die öffentliche Meinung durchaus der Ansicht, Anarchisten gedanklich nach Somalia („Anarchie“) schicken zu können, denn das muss ja so ungefähr sein, was diese linken Spinner wollen, nicht wahr?

Was unsereinem dagegen tatsächlich als Ideal vorschwebt, ist „die Anarchie im ursprünglichen Sinne: Ordnung durch Bünde der Freiwilligkeit“ (Gustav Landauer). Wie das in der Praxis aussehen kann, werden wir uns hier noch anschauen. An dieser Stelle sei aber zunächst einmal eine Retourkutsche erlaubt:

Wenn wir unter >Anarchie< einmal die landläufige negative Bedeutung verstehen wollen, nämlich Chaos, so haben wir sie heute: weltweit und flächendeckend. Ein System, in dem genug Nahrung produziert wird und wo dennoch Tag für Tag zigtausende Menschen verhungern, ist ein Irrsinn. Ein System, das periodisch organisierte Massenmorde anordnet, ist unmenschlich. Ein System, das diesen Planeten zunehmend ausplündert und unbewohnbar macht, ist selbstmörderisch. Ein System, das zehn Prozent der Menschheit Reichtum beschert und die große Mehrheit der Ärmsten immer weiter ausplündert, ist niederträchtig. Ein System, das seine Bürger nur dadurch davon abhalten kann, sich gegenseitig umzubringen, in dem es sie wiederum selbst mit dem Tod bedroht, ist eine moralische Bankrotterklärung.
Wenn Anarchisten in einer Diskussion ein solches System ernsthaft vorschlügen, würden sie mit Recht ausgelacht. Man müsste sie Zyniker nennen. Aber dieses System haben wir heute überall, es herrschaft auf jedem Stückchen Land dieser Erde, und wir leben mittendrin. Es ist das staatliche System. Ein Konstrukt, das unterm Strich völlig versagt und weltweit ein Chaos von unvorstellbarem Ausmaß hervorbringt. Wir nehmen es nur nicht wahr, denn wir sind gewohnt, in zweierlei Maß zu denken. Vergessen wir nicht: Staat existiert nicht nur in unseren liberalen, westlichen Demokratien, in denen es sich zugegebenermaßen besser leben lässt – Staat, das ist auch Bangladesch und Burkina Faso, Haiti und Usbekistan, Ruanda und Kambodscha, Weißrussland und der Sudan.

(Horst Stowasser: Anarchie! Idee. Geschichte. Perspektiven. Hamburg 2007. S. 37. Frühere Ausgabe unter „Freiheit Pur“ hier im Netz verfügbar. Dort S. 35.)